Aus der inneren Mitte heraus: Meina Schellander

In einer Auseinandersetzung und Verschränkung des „Innen und Außen“ sowie in einer kritischen Reflexion ihrer Umwelt und ihrer eigenen Lebenssituation entwickelt Meina Schellander seit den 1970er-Jahren ihre unverwechselbare Bildsprache. Als Perfektionistin und Ausnahmegestalt bezeichnete Thomas Zaunschirm die Künstlerin im Vorwort der 1998 im Ritter Verlag erschienen Werkmonografie. Sie selbst nennt sich seit ihrem Diplom an der Akademie der bildenden Künste in Wien (1970) freischaffende Bauerin in Wien und Ludmannsdorf bei Klagenfurt. Ihre Bauten, die ob ihres räumlich-architektonischen Charakters nicht mehr in das Schema einer traditionellen Skulptur passen, entstehen oft über lange Zeiträume hinweg. Charakteristisch ist dabei die Weiterführung eines bereits gefundenen Formenrepertoires, um dieses immer wieder in einen neuen Zeit- und Raumkontext zu setzen. Ein solches Kontinuum sind die Reihen- und Winkelanordnungen, in denen Meina Schellander Aspekte konstruktiven Gestaltens für sich in Anspruch nimmt. Die exakten Formen und geometrischen Reihen entsprechen den formalen Intentionen der Künstlerin und zeichnen insgesamt ihr Werk aus. Die geometrischen Elemente sind dabei nur in erster Linie von programmatischem Interesse und deren strenge, kraftvolle Ästhetik nur ein Aspekt. Die Winkel- und Reihenanordnungen werden zur Metapher einer existenziellen Problematik und zum Spiegel gesellschaftlicher wie persönlicher Befindlichkeiten. Sie sind „ein Versuch, zwei gegensätzliche Prinzipien in zwei Reihen gegenüberzustellen und sie gegeneinander/aufeinander laufen zu lassen“.[1] Darüber hinaus sind sie in Material und Form umgesetzte Raumempfindungen, Zustandsbilder innerer Befindlichkeiten. Reflektierend über ihre künstlerische Arbeit schrieb Meina Schellander 1990: „Langsam – über Kegel-, Zylinder-, Pyramiden-, Ellipsen-Zeiten, Farbtiefen und ironisierte Seitensprünge hinweg – pendle ich mich ein in ein waagrechtes Innehalten.“ Ebenso sind Verspannungen, Überlagerungen und Verflechtungen seit den 1970er-Jahren in ihrem Werk präsent: Von der Verspannung des ersten aus der Lieser gewonnen Steins im Krastal bis hin zur 2007 entstandenen Rauminstallation Konnexion I in Maria Saal und in weiterer Folge am Haus ihrer Kindheit in Ludmannsdorf.

Die Verspannung im Krastal entstand 1973 und leitete die bis heute fortgesetzte Werkserie der Kopfergänzungen ein.[2] Den Stein-Findling, den die Künstlerin in der Lieser fand, bezeichnete sie als „Zeitresultat einer millionen-jahrelangen Abnützung“[3] und verspannte ihn mittels Drahtseilen zwischen zwei Felsen in Ehring im Krastal. Davor entstand eine fotografisch festgehaltene performative Arbeit an und mit dem Stein, der von der Künstlerin umarmt und schließlich geborgen wurde. Bis heute sammelt und arbeitet sie mit Findlingen, die Mittelpunkt der Kopfergänzungen sind. „Die Steine stellen eine Innere Formel dar. Indem sie vom Fundort getrennt werden, werden sie zur Identifikation meines jeweiligen Empfindens und mit anderen Materialien künstlerisch ergänzt. So stellen die Skulpturen auch jeweils bestimmte Zeitabschnitte dar.“[4] Wie die Kopfergänzung Transit von 2016, die zum 70er der Künstlerin die Dezennien ihres Lebens, in Plexiglas eingraviert, in Verbindung zum Stein setzt.

Seit 1990 entsteht auch die FIGUR/RAUM Serie, die sie nach dem griechischen Alphabet benennt, als Referenz auf einen Kulturraum „der uns vor allem in seinem philosophischen Denken geprägt hat“, so Meina Schellander. Die in der Ausstellung gezeigte RAUM-FIGUR ETA besteht aus mehreren korrelierenden, massiven, mehr oder weniger transparenten Aluminium- und Acrylglasplatten. Zwei Meter hohe, massive Wände stehen verwinkelt zueinander und sind kontrastierend mit negativen und positiven Inhalten von abblockend bis zerschmetternd und von annähernd bis zuwendend beschriftet. Die Wörter sind in einer Reihe ineinandergeschoben und bilden ein festes Netzgewebe, so dass erst ein genaues Hinschauen sie lesbar macht. Sprache als formales und inhaltliches Zeichen wird in den Raum gesetzt. In die zehn Schlitze sind massive Aluminiumlagen eingeschoben, die Schellander bewusst leer lässt, als ablesbare Freiräume, in die der Betrachter seine Gedanken legen kann – Denkräume an der Schwelle zwischen dem negativen Sprachfilm und den auf der dahinter in einem 34-Gradwinkel abstehenden Acrylwand stehenden positiven Begriffen. Die Balance zwischen der massiven, schweren Wand und einer größeren transparenten Leichtigkeit der dahinterstehenden Acrylwand bis hin zum sich in den Raum hinaus öffnenden Flügel ist Kernstück der Arbeit und in dieser sich bedingenden Gegensätzlichkeit auch Ausdruck der Persönlichkeit der Künstlerin: „Durch die Leichtigkeit der hinteren Wand erträgt sich das Schwere – diese Ambivalenz bin ich“. Am oberen Ende setzt Meina Schellander einen schwarzen Nylonschweif als ironisierendes Element. Bisher entstanden sind neben Raum-Figur Eta 1999-2004: Figur Alpha 1990 (Edition zu 12 Stk.), Raum Beta 1990, Raum Delta 1990, Raum Gamma, Figur Psi 1990, Figur Rho 1990, Figur Jota 1997, Figur Sigma/+ – Ortszeit 1997, Raum Omega 1999, Figur Zeta 1999-2003, Raum Kappa 1998 (Edition zu 4 Stk., Auftrag der Architekturstiftung Österreich). In der Ausstellung zeigt Schellander die Figur Epsilon, an der sie seit 1991 arbeitet und die stetiger Veränderung unterworfen ist, da ihr Pendant die Figur Omikron 1991 noch nicht als kongeniales Gegenüber zur Verfügung steht.

Das Sichtbarmachen eines sowohl räumlichen als auch zutiefst eigenen Empfindens von Innen und Außen ist immer wieder kehrendes Thema ihrer Arbeit, ebenso wie das dichte Geflecht, das sich zusammenballt, in Spiralen verdichtet und zuweilen zu einem undurchdringlichen Netzwerk wird. Auch im Sinne einer Verbundenheit zwischen Mensch und Natur. So bezeichnet Meina Schellander auch ihre Reihe der 1997 begonnenen Naturfotos als Identitätsmodelle ihrer eigenen Biografie. Den Fotos der Serie ZEIT-LAND-ANTEIL stellt Meina Schellander ab 2002 INNERE FREQUENZEN, Zeichnungen, gegenüber. Später kommen die Fotoarbeiten HIMMEL-LAND-ANTEIL hinzu. Der Zusatz „Innere Frequenz“ ist zugleich auch Rückverweis auf ihre Entstehung. Denn es ist kein Zueinanderfügen zweier einzelner Platten (Zeichnung und Foto) auf einen gemeinsamen Träger. Vielmehr reagiert die Künstlerin in ihren Zeichnungen auf die Fotografie, wobei formale Aspekte, als auch ihre innere Befindlichkeit in Auseinandersetzung mit der Fotografie gleichermaßen in die Zeichnung einfließen. Zunächst entstehen grafische Arbeiten in Schwarz-Weiß erst später kam die Farbe hinzu, sie ließ sich wie Meina Schellander formuliert, „dann gar nicht mehr aufhalten. Doch versuche ich auch mit der Farbe die Natur nicht zu übertrumpfen, die Balance zu halten und nur auf der formalen Ebene ein Kontra herzustellen.“. Die Vielfalt der Gedanken, meinte sie einmal sei ihr Auftraggeber, einige davon, die sich nicht abschütteln lassen, führt sie aus.[5] Dies ist ebenso auf die Unerschöpflichkeit der möglichen Formenwelt der Zeichnungen übertragbar. Charakteristisch sind die stets bewusst gesetzten Brüche im Bild, der Kanal, dessen offene Durchlässigkeit durch ein Spiralenknäuel versperrt wird, oder das scheinbar seiner geometrischen Ornamentik in steter Aneinanderreihung gehorchende Muster, vor dem sich ein Schlingenraum entfaltet um dann jäh von schwarzen Tangenten durchpflügt zu werden. Alles Glorifizierende, Einfache ist ihr fern, die Ansätze einer formalen Ästhetik zu durchbrechen ist ihr wichtig: „Denn es braucht den Streit und die Auseinandersetzung, es gibt den Makel und das Scheitern als existenzielle, menschliche Komponente, die stets vorhanden ist.“ Scheint die Arbeit fertig zu sein, sucht die Künstlerin einen zeitlichen Abstand davon, um dann erneut in die Auseinandersetzung mit dem Werk zu treten und gegebenenfalls nochmals in den künstlerischen Prozess einzutauchen. Einige Formen drängen hervor, Motive werden, wie sie es bezeichnet, zu vordergründig und die Zeichnung daher überarbeitet, um eine Balance zu finden: „Nichts darf schillern oder hervortreten. Es muss ein neutraler Zustand erreicht werden, ähnlich wie bei dem Grasdickicht, wo es auch nichts gibt, woran das Auge des Betrachters sich festmachen kann – ich versuche eine Art neutralen Zustand herzustellen.“ Das Liebliche, Weiche der Natur ist ihr fremd. Die Fotos zeigen daher auch nicht das sich im Wind sanft wiegende Feld, sondern das dichte, undurchdringliche Grasbündel, dass sich schlingt und verheddert, das kräftig und widerborstig ist, oder Stoppelfelder, deren Mix aus geordneten, vom Traktor gezogenen Spuren und dem Chaos der abgeschnittenen Kornähren ihrem ästhetischen Formempfinden entspricht – oder dem Wesen des Lebens, so wie sie es sieht. Wie wenn sich die Künstlerin die Leichtigkeit erst zugesteht, nachdem sie sich mit Kraft und Innenschau bis zum Abschluss des Werkes durchgearbeitet hat. Durch die Kombination und durch das Gegenüber der Formen und Materialien entsteht auch Leichtes und Offenes im Gegensatz zu den Spitzen, Winkeln, massiven Wänden und undurchdringlichen Schlingen. Es ist, wie Meina Schellander dazu schrieb, ein „Eintauchen in distanzierte Naturräume, sie filtern, ergänzen, bis in den Zeichnungen manchmal eine parallele innere Wirklichkeit entsteht. Spannende, glückhafte Prozesse“.

Viele ihrer Raumarbeiten, so auch jene in der Ausstellung im TANK GrafZyxFoundation, stehen in einem politischen Kontext und spiegeln in Titel und formaler Umsetzung Schellanders charakteristische, pointiert-ironische Sicht des Zeitgeschehens wider. Aus einer inneren Mitte heraus vereint Meina Schellander in großer Komplexität das, was sie in ihrem Leben sieht, aufnimmt, wonach sie forscht und woran sie sich reibt. „Die Zukunft holt mich ein, während ich die Vergangenheit reflektiere und über die Gegenwart stolpere.“ [6]

[1] Thomas Zaunschirm, „Antagonismen“, in: ders., Meina Schellander. Kopf und Quer, Klagenfurt 1998, S. 33
[2] Meina Schellander war eine der ersten Künstlerinnen, die aktiv im und am Bildhauer-Symposion Krastal mitgearbeitet haben und sie kuratiert bis heute im Bildhauerhaus Ausstellungen zeitgenössischer Künstler und Künstlerinnen.
[3] Ebd.
[4] Gespräch mit Meina Schellander, Wien, September 2007. Alle folgenden Zitate stammen aus Gesprächen der Autorin mit der Künstlerin, die im Laufe der Jahre bis heute geführt wurden.
[5] Meina Schellander: „Wien, 1990“, in: Thomas Zaunschirm, Klagenfurt 1998, S. 284
[6] ebenda, siehe Anm. 3

 

Autor*in: Silvie Aigner

Kunsthistorikerin und Kuratorin Cehefredakteurin Parnass